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Bankpocalypse: Banken verlieren an Einfluss – was die Disruption für Unternehmen bedeutet

Bloomberg-Bildschirm mit Börsenkursen, Bitcoin-Kurs und der Schlagzeile „Bitcoin hits another record high“
Die Welt wird digitaler, Coins und Token werden immer wichtiger.

Ein Gedankenspiel: Die Rechnung an einen Kunden ist bezahlt, bevor das PDF überhaupt geschlossen ist. Eine Zahlung an einen Lieferanten in den USA ist in Sekunden drüben, am Sonntagabend, ohne Wechselkursaufschlag, den man erst auf dem Kontoauszug entdeckt. Und jede Kartenzahlung im Laden kostet nur noch einen Bruchteil dessen, was wir heute abgeben.

Klingt nach Science-Fiction? Für den Makro-Investor Jordi Visser ist es der Anfang von etwas, das er die „Bankpocalypse" nennt. Und ich glaube, er hat recht.

Woher der Begriff kommt

Jordi Visser war Managing Director bei Morgan Stanley und fast zwei Jahrzehnte Präsident und Chief Investment Officer des Hedgefonds Weiss Multi-Strategy Advisers. Heute schreibt und spricht er unter VisserLabs über Makroökonomie, KI und digitale Vermögenswerte. In den vergangenen Wochen hat er in seinem YouTube-Kanal und in Podcasts eine These ausgebreitet, die mich seitdem nicht loslässt.

Sinngemäß sagt er: KI-Agenten werden mit Banken und Zahlungsnetzwerken das machen, was KI-Programmierwerkzeuge mit vielen Softwarefirmen gemacht haben. An der Börse hieß das „SaaSpocalypse". Jetzt seien die Banken dran. Wörtlich: Banken „are going to have a bank apocalypse just like SaaS did".

Wichtig, und das betont Visser ausdrücklich: Er meint nicht, dass Banken pleitegehen. Er meint eine Disruption, die ihr Geschäftsmodell langsam entwertet. Die Softwarefirmen verdienen ja auch weiter Geld, nur glaubt niemand mehr, dass sie unersetzlich sind.

Warum ausgerechnet KI-Agenten?

Visser argumentiert sinngemäß so: Ein KI-Agent, der für uns einkauft, bezahlt oder Geld anlegt, kann nicht tagelang warten, bis eine Überweisung „durch" ist. Jeder Tag, an dem Geld unterwegs ist, ist ein Risiko. Sein Satz dazu: „Speed is also a safety feature." Geschwindigkeit ist auch ein Sicherheitsmerkmal.

Agenten brauchen also Sofortabwicklung. Rund um die Uhr. Programmierbar. Genau das bieten tokenisierte Werte, Stablecoins und Blockchain-Netzwerke. Visser nennt Ethereum als mögliche vertrauenswürdige Abwicklungsschiene. Und er sieht nach eigenen Worten „zero chance", dass Visa und Mastercard langfristig gewinnen, auch wenn sie in den nächsten zwei Jahren noch profitieren könnten. Er vergleicht sie mit BlackBerry in den frühen iPhone-Jahren.

In einem Podcast beschreibt er sogar so etwas wie einen „agentischen Bank-Run" (sinngemäß): Agenten, die Geld sofort dorthin verschieben, wo es die bessere Rendite gibt. Nicht aus Panik, sondern einfach, weil sie es können.

Die entscheidende Variable, auch das sagt er offen: Vertrauen. Erst wenn Menschen ihren Agenten echtes Geld anvertrauen, wird aus der These Realität.

Europa ist schon mittendrin

Man könnte jetzt sagen: Das ist eine amerikanische Debatte. Ist es nicht.

Seit dem 9. Januar 2025 müssen Banken in der Eurozone Echtzeitüberweisungen empfangen können, und zwar zu keinem höheren Preis als eine normale Überweisung. Seit dem 9. Oktober 2025 müssen sie sie auch senden können. So schreibt es die EU-Verordnung 2024/886 über Sofortzahlungen vor. Zehn Sekunden statt einem Bankarbeitstag. Rund um die Uhr, auch am Wochenende. Dazu kommt seit Oktober 2025 die kostenlose Empfängerüberprüfung, die prüft, ob Name und IBAN zusammenpassen.

Gleichzeitig gelten die Regeln der europäischen MiCA-Verordnung für Stablecoins seit dem 30. Juni 2024. Das Geld der Zukunft hat in Europa also bereits einen Rechtsrahmen.

Die Rohre werden gerade ausgetauscht. Was früher das exklusive Geschäft der Banken war, nämlich Geld von A nach B zu bringen und sich die Wartezeit bezahlen zu lassen, wird zur Selbstverständlichkeit. Und für Selbstverständliches zahlt bald niemand mehr extra.

Klassische Banken und neue Wege

Ich führe seit 2004 ein Importunternehmen. Wir holen amerikanische Spezialitäten nach Deutschland, betreiben einen Laden in Augsburg und haben mit Easton Reed eine eigene Marke. Wenn ich auf die Bankpocalypse schaue, dann nicht als Börsenspekulantin, sondern als Unternehmerin, die jeden Monat Rechnungen bezahlt, Dollar kauft und Kunden kassiert.

Das liegt in der Natur großer, stark regulierter Häuser: Bei digitalen Lösungen bewegen sie sich eher langsam. Als Unternehmer heißt das: Man sucht viele Lösungen selbst.

Genau das haben wir getan. Heute arbeiten wir zusätzlich mit modernen Zahlungsdienstleistern zusammen, die auf Geschwindigkeit und Digitalisierung spezialisiert sind. Für mich ist das die Bankpocalypse im Kleinen: Sie findet nicht in einem großen Knall statt, sondern Entscheidung für Entscheidung, wenn Unternehmer für jede Aufgabe das passende Werkzeug wählen.

Was die Disruption für uns Unternehmer bedeutet

Kundenzahlungen im Laden und online. Das ist der Punkt, der mich derzeit am meisten stört. Kreditkartenakzeptanz, PayPal und Co. kosten hohe Transaktionsgebühren. Wir bezahlen dafür einen fünfstelligen Betrag im Jahr. Geld, das nicht in Sortiment, Mitarbeiter oder Service fließt, sondern einfach in der Leitung hängen bleibt. Wenn Visser recht hat, verschwindet die Kartenzahlung nicht morgen. Aber genau diese Gebühren geraten unter Druck. Hier hoffe ich sehr, dass die Disruption endlich günstigere Konditionen bringt. Jeder Händler weiß, was das bei knappen Margen bedeutet.

Zahlungen und Liquidität. Wenn Geld in Sekunden ankommt, schrumpft die Lücke zwischen Leistung und Bezahlung. Weniger Zwischenfinanzierung, weniger Mahnwesen, weniger Zittern am Monatsende.

Dollar-Zahlungen und Währungen. Für Importeure ist der Devisentausch bei klassischen Banken oft undurchsichtig: Wechselkursaufschläge, Gebühren, Laufzeiten. Spezialisierte Anbieter zeigen schon heute, dass es schneller geht. Wenn sich Dollar-Stablecoins und tokenisierte Zahlungen durchsetzen, wird es noch transparenter.

Rechnungen im B2B. Programmierbares Geld kann mehr als nur fließen. Eine Zahlung kann automatisch ausgelöst werden, sobald die Ware geliefert ist. Weniger Abstimmung, weniger Papier, weniger offene Posten. Und ob eine Zahlung automatisch fließt, entscheide ich selbst, gemeinsam mit meinem Geschäftspartner.

Finanzierung und Kredit. Hier bin ich vorsichtiger. Wenn Zahlungsströme in Echtzeit sichtbar sind, können auch andere Anbieter als die Bank einschätzen, wie gesund ein Unternehmen ist. Das kann mehr Wettbewerb bedeuten. Aber auch, dass jede schwache Woche sofort auffällt.

Welche Aufgaben haben Banken am Ende noch?

Diese Frage beschäftigt mich am meisten. Meine ehrliche Antwort: weniger, aber wichtigere.

Gelbes Rettungsbrett mit der Aufschrift „Lifeguard“ an einem sonnigen Sandstrand, dahinter rot-gelbe Flaggen, Brandung und Felsen
Man schwimmt nicht jeden Tag mit dem Rettungsschwimmer, aber man ist froh, wenn er da ist.

Was abwandert, sind die Routinen. Zahlungsverkehr, Devisentausch, das einfache Konto. Das können spezialisierte Anbieter schneller und günstiger, und bald vielleicht KI-Agenten auf offenen Netzwerken.

Was bleibt, ist das, wofür man Vertrauen, Kapital und Erfahrung braucht:

Die Banken, die das begreifen, werden zu echten Partnern. Die anderen werden austauschbar.

Die Risiken, kurz und ehrlich

Ich glaube an diese Entwicklung. Blind bin ich trotzdem nicht. Visser selbst nennt Hacking und politischen Gegenwind als größte Risiken. Ein Agent, der Geld bewegt, kann auch angegriffen werden. Stablecoins sind nur so gut wie die Reserven dahinter. Und das Tempo ist offen: Visser erwartet, dass das Thema an den Märkten schon im ersten Quartal 2027 groß wird. Im Alltag eines Mittelständlers wird es länger dauern.

Was ich jetzt tun würde

Keine Anlageberatung, sondern unternehmerischer Pragmatismus:

  1. Echtzeitüberweisungen aktiv nutzen. Sie sind da und kosten nicht mehr als normale Überweisungen.
  2. Alle Gebühren einmal auflisten. Kontoführung, Kartenakzeptanz, PayPal, Devisen. Wer weiß, was er zahlt, erkennt Alternativen schneller.
  3. Moderne Dienstleister prüfen. Ergänzend zur Bank, für die Aufgaben, die sie besser und schneller können.
  4. Neugierig bleiben. Stablecoins, tokenisierte Zahlungen und KI-Agenten verstehen, bevor die Konkurrenz es tut.
  5. Mit der Bank ins Gespräch gehen. Fragen, welche digitalen Lösungen sie plant. Gute Partner entwickeln sich gemeinsam weiter.

Warum ich den digitalen Euro nicht will

Bei aller Begeisterung für digitales Geld: Den digitalen Euro will ich nicht. Das ist meine persönliche Meinung, keine Prognose und kein Lösungsvorschlag.

Zum Stand: Das Gesetz wird noch im Trilog zwischen Rat, Parlament und Kommission verhandelt, ausgegeben werden könnte der digitale Euro frühestens um 2029. Die EZB betont, er werde kein programmierbares Geld sein und auf einer zentralen Infrastruktur laufen, nicht auf einer öffentlichen Blockchain.

Für mich bleibt er trotzdem ein politisches Instrument: ein künstlich gebautes Konstrukt, kein Stablecoin, der aus Marktkräften entsteht. Die EZB verspricht, dass niemand festlegen wird, wofür ich mein Geld ausgebe. Wenn ich zwischen Unternehmen selbst wähle, ob eine Zahlung automatisch fließt, ist das meine Entscheidung. Bei staatlichem Digitalgeld hängt das am Versprechen der Politik, und Versprechen kann man ändern. Dann wären auch ein Ablaufdatum für Geld denkbar oder ein Staat, der steuert und eingreift, wie wir wirtschaften. Ein Freund der EU, die ich als Treiber der Überbürokratisierung erlebe, bin ich ohnehin nicht. Meine Hoffnung liegt bei privatwirtschaftlichen Token und den Kräften des Marktes.

Am Ende geht es um Freiheit

In meinem Beitrag Einfach mal machen: Warum Freiheit Unternehmen wachsen lässt habe ich über Freiheit, Kapital und Inflation geschrieben. Die Bankpocalypse ist für mich die Fortsetzung dieser Geschichte. Wenn Geld schneller, günstiger und direkter fließt, gewinnen die, die es erwirtschaften: Unternehmer, Händler, Kunden.

Banken werden nicht verschwinden. Aber vielleicht werden sie das, was sie immer hätten sein sollen: Dienstleister, die man wählt, weil sie gut sind, und nicht, weil es keine Alternative gibt.

Jordi Visser hat der Disruption einen Namen gegeben. Wir Unternehmer sollten nicht warten, bis sie in der Zeitung steht, sondern jetzt anfangen, mit ihr zu arbeiten.

Die Idee der „Bankpocalypse" stammt von Jordi Visser (VisserLabs). Dieser Beitrag ist meine persönliche Einordnung und keine Anlageberatung.

Sabine Ryan

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