Blog · Mindset & Unternehmertum

Mindset: Warum die innere Haltung über Erfolg entscheidet

Collage aus drei Zeitungsartikeln über Sabine Ryan und American Heritage: „Willkommen in der Nische“ (Augsburger Allgemeine), „Leidenschaft für US-Produkte“ (Augsburg Journal) und „Ein Stück Amerika in Augsburg“ (Augsburger Allgemeine)
Am Anfang stand ein grüner Schaukelstuhl: Die Geschichte von American Heritage in der Presse.
Quellen (v. l. n. r.): Augsburger Allgemeine; Augsburg Journal 11/24; Augsburger Allgemeine, 9. April 2025.

Pläne, Zahlen und Strategien sind wichtig. Aber ob ein Unternehmen schwierige Zeiten übersteht, entscheidet sich nach meiner Erfahrung oft an einer anderen Stelle: in der Haltung der Menschen, die es führen. Wie reagieren sie auf eine schlechte Nachricht? Sehen sie in einem Problem eine Bedrohung oder eine Aufgabe? Suchen sie nach Schuldigen oder nach Lösungen? Für mich ist das Mindset im Leben wie im Geschäft der wichtigste Faktor überhaupt, denn es bestimmt, was wir aus allen anderen Faktoren machen.

Was mit Mindset gemeint ist

Bekannt gemacht hat den Begriff vor allem die Psychologin Carol Dweck. In ihrem Buch „Mindset: The New Psychology of Success“ (2006) unterscheidet sie zwischen einem statischen Selbstbild („fixed mindset“) und einem dynamischen Selbstbild („growth mindset“). Wer ein statisches Selbstbild hat, hält Fähigkeiten für weitgehend festgelegt. Rückschläge wirken dann wie ein Urteil über die eigene Person. Wer dagegen ein dynamisches Selbstbild hat, geht davon aus, dass sich Fähigkeiten durch Einsatz, Übung und Lernen entwickeln lassen. So werden Rückschläge zu Informationen.

Für Unternehmen ist diese Unterscheidung enorm wichtig. Märkte, Vorschriften und Kundenwünsche verändern sich ständig. Wer davon ausgeht, dass das Bewährte auch künftig trägt, gerät früher oder später in Schwierigkeiten. Wer davon ausgeht, dass Lernen und Anpassen zum Alltag gehören, bleibt beweglich.

Die Kraft innerer Bilder

Das Buch, das mein Vater mir als Teenager in die Hand gedrückt hat, hat mich nie ganz losgelassen: „Die Macht Ihres Unterbewusstseins“ von Joseph Murphy. Damals habe ich es vor allem aus Neugier gelesen. Hängen geblieben ist ein einfacher Gedanke: Was wir klar vor Augen haben, darauf bewegen wir uns zu. Nicht jede These darin muss man teilen, aber dieser Kern hat sich in meinem Berufsleben immer wieder bestätigt.

Eine Unternehmensgeschichte als Lernkurve

Die Geschichte von American Heritage begann 2004 mit einem grünen Schaukelstuhl. Mein Plan war schlank: Verkauf online und auf Gartenmessen. Doch die Kunden wollten die Produkte in natura erleben, sie anfassen und probieren, und fragten immer wieder nach einem Laden in ihrer Nähe. Also eröffneten wir nach und nach fünf Geschäfte. Später entschied ich mich, den Einzelhandel aufzugeben und stattdessen den Großhandel auszubauen.

Jeden dieser Schritte hätte ich auch als Scheitern meines ursprünglichen Plans sehen können. Mit einem dynamischen Blick sind es dagegen Lernschritte: Der Markt gibt Rückmeldung, das Unternehmen reagiert. Ähnlich geht es mir mit den wiederkehrenden Belastungen eines Importgeschäfts: Wechselkursrisiken, Strafzölle, neue Verpackungsvorschriften, Importbeschränkungen und Probleme in der Seefracht. Keine dieser Entwicklungen kann ich beeinflussen. Beeinflussen kann ich aber, wie ich darauf reagiere.

Aus Hindernissen werden Marken

Besonders deutlich zeigt sich die Kraft der Haltung dort, wo aus einem Problem etwas Neues entsteht.

Ich suchte Popcorn ohne Farb- und Aromastoffe in einer bestimmten Qualität. Auf dem Markt gab es das nicht. Statt den Wunsch aufzugeben, haben wir eine eigene Produktion aufgebaut, und so entstand die Marke Everly Grace.

Bei Easton Reed kam der Anstoß von außen: Lieferanten nahmen Bestseller aus dem Sortiment, gleichzeitig schränkte die EU den Import bestimmter Produkte deutlich ein. Diese Lücke haben wir mit einer eigenen Marke und eigenen, für den europäischen Markt entwickelten Rezepten gefüllt.

Bei Easton Reed hatte ich von Anfang an ein Bild im Kopf: das Regal in unserem Augsburger Laden, randvoll mit Easton-Reed-Produkten. Dieses Bild hat mich durch viele zähe Wochen getragen. Und es funktioniert.

In beiden Fällen stand für mich am Anfang nicht die Frage „Warum passiert das?“, sondern: „Was lässt sich daraus machen?“

Unternehmertum als Spiel

Eine Haltung, die sich für mich über viele Jahre bewährt hat, ist der Blick auf Unternehmertum als Spiel. Das heißt nicht, die Lage auf die leichte Schulter zu nehmen. Es heißt, die Regeln zu akzeptieren, auch wenn sie sich ändern, und immer wieder nach dem nächsten guten Zug zu suchen. Wie das konkret aussieht, beschreibe ich im Beitrag „Strategie ist nie fertig: Warum Unternehmen sich ständig neu erfinden müssen“: viele kleine Anpassungen bei Sortiment, Kunden, Technologie und Marketing statt eines großen Plans, der einmal im Jahr überprüft wird.

Zu diesem Spiel gehört auch, viele Möglichkeiten abzuwägen, bevor eine Entscheidung fällt. Wer gewohnt ist, mehrere Optionen nebeneinanderzulegen, findet häufiger die beste Lösung und hängt weniger an der erstbesten. Gleichzeitig bleibt jede Entscheidung unsicher. Mir hilft hier der Gedanke von Annie Duke, Entscheidungen als Wetten zu begreifen, wie ich es im Beitrag „Jede Entscheidung ist eine Wette: Wie Unternehmen klüger entscheiden“ beschrieben habe. Eine verlorene Wette ist dann kein persönliches Versagen, sondern Teil des Spiels.

Mut und Engagement: täglich, nicht nur in der Krise

Ein gutes Mindset zeigt sich nicht in einer einzelnen mutigen Entscheidung, sondern in der Beständigkeit. Mut und Engagement sind keine Ausnahmezustände, die nur in Krisen abgerufen werden. Sie sind eine tägliche Praxis.

Neben dem Unternehmen habe ich mich zum Coach ausbilden lassen. Aus dieser Arbeit ist mir eine Beobachtung besonders hängen geblieben: Den meisten Verantwortlichen fehlt nicht das Wissen, was sich ändern müsste. Es fehlt der Schritt vom Wissen zum Handeln. Diese Lücke schließt sich nicht durch noch mehr Analyse, sondern durch Übung. Wer regelmäßig kleine mutige Schritte geht, dem fallen auch größere leichter.

Neugier als Teil der Haltung

Zu einem beweglichen Mindset gehört für mich auch Neugier auf Neues, gerade bei Technologie. Künstliche Intelligenz verändert derzeit, wie Texte entstehen, wie Daten ausgewertet und wie Onlineshops gepflegt werden. Wer solchen Entwicklungen mit Skepsis und Abwarten begegnet, verschenkt Zeit. Wer sie ausprobiert, lernt, wo sie helfen und wo nicht. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen können davon profitieren, weil sie schneller testen und umsetzen können als große Organisationen.

Fragen und Gewohnheiten für ein bewegliches Mindset

Haltung lässt sich trainieren. Diese Fragen und Gewohnheiten helfen mir dabei:

  1. Nach einem Rückschlag: Was lässt sich daraus lernen? Die Frage nach dem Lernen ist produktiver als die Frage nach der Schuld.
  2. Welche Optionen gibt es noch? Vor wichtigen Entscheidungen bewusst mindestens drei Möglichkeiten nebeneinanderlegen.
  3. Woran halte ich nur aus Gewohnheit fest? Regelmäßig prüfen, was ich heute nicht mehr neu beginnen würde.
  4. Welcher kleine mutige Schritt ist diese Woche möglich? Mut wächst durch Wiederholung, nicht durch Warten.
  5. Was ist neu und einen Versuch wert? Ein festes Zeitfenster für das Ausprobieren neuer Werkzeuge, etwa aus dem Bereich KI.
  6. Wer bietet einen ehrlichen Blick von außen? Ein Umfeld, das Annahmen hinterfragt, schützt vor blinden Flecken.
  7. Verwechsle ich das Ergebnis mit der Entscheidung? Eine gute Entscheidung kann schlecht ausgehen, und umgekehrt.

Fazit

Märkte, Zölle und Vorschriften lassen sich nicht steuern. Die eigene Haltung schon. Wer Veränderung als Teil des Spiels begreift, Möglichkeiten sorgfältig abwägt, Entscheidungen als Wetten versteht und täglich mit Mut und Engagement handelt, hat in schwierigen Zeiten den entscheidenden Vorteil. Das Mindset ist kein weiches Thema am Rand. Es ist das Fundament, auf dem alles andere steht.

Sabine Ryan

Literatur: Carol S. Dweck: Mindset: The New Psychology of Success. Random House, 2006.

PS: Einen Selbsttest für das eigene Mindset bietet übrigens der Alltag: Der Lieblingsitaliener hat Ruhetag. Ein statisches Mindset sieht darin einen verdorbenen Abend, ein dynamisches die Gelegenheit, endlich das neue Lokal um die Ecke auszuprobieren.

← Alle Beiträge